« zurück zur Übersicht

 

    ← Alter Trott    Neuer Weg →

Seit Januar 2017 haben wir nach 1 Jahr Vorbereitung unseren Tagesablauf umgestellt und praktizieren seitdem die teiloffene Arbeit. Die Herzstücke bilden der Morgenkreis und die Angebotszeit.

Im Morgenkreis werden täglich die Angebote anhand von Bildern vorgestellt. Die Kinder können sich für ein Angebot entscheiden, sie bekommen ein Kärtchen an einem Schlüsselband (mit Paniksicherung!!) und gehen nach dem Morgenkreis zu dem Raum, in dem das Angebot stattfindet.

Nach dem Angebot gehen die Kinder in ihre Stammgruppe zurück, geben ihr Schild ab und können in ihren Ich-Büchern mit einem Aufkleber selbst dokumentieren, was sie an dem Tag gemacht haben.

Was sich in dieser Beschreibung so einfach anhört, ist für die Kinder ein großes Feld an Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten:
Die Regelmäßigkeit des Morgenkreises gibt im Tagesablauf einen Fixpunkt. Es wird etwas vorgestellt, dabei sitzen die Kinder im (Stuhl)kreis und hören zu. Das ist für Kinder eine Leistung, die wir nicht als Selbstverständlichkeit betrachten.

Sie müssen zunächst feststellen, was sie denn gerne machen möchten. Das heißt, in sich hineinspüren, überlegen, „will ich das oder das?“. Für Erwachsene mag das leicht klingen, ein Kind befindet sich dabei in einem Prozess der Selbstwahrnehmung, der Deutung von Lust und Gefühl.

Wenn es mehr Kinder gibt als Karten für ein Angebot, müssen die Kinder sich untereinander einigen. Mal wird nachgegeben, mal besteht jemand auf seine Wahl, mal kann sich ein Kind nicht entscheiden oder es bleibt ein Angebot über, das sie nicht wollen. Es geht um das Durchsetzen eigener Interessen, um Rücksichtnahme, Aushandeln, Nachgeben und Frustration.

Danach müssen sie ihren Weg zu dem entsprechenden Raum finden. Oft übernehmen ältere Kinder die Führung von jüngeren und bieten damit Sicherheit. Gleichzeitig übernehmen sie Verantwortung und Fürsorge für kleinere oder unsichere Kinder. Das macht stolz und selbstsicher.

Diese Abläufe finden jeden Tag innerhalb von 30 Minuten statt: was für eine Leistung!

Die Angebote sind stets so strukturiert, dass zunächst geklärt wird, was das Ziel ist, was für Materialien man braucht und wie man zu dem erhofften Ergebnis kommt. Beim Cookies-Backen wird also ein fertiger Keks gezeigt, damit die Kinder es sich besser vorstellen können. Dann braucht es ein Rezept, die Arbeitsmaterialien, einen Mixer, eine Schüssel, Smarties zum Dekorieren. Einen Finger zum Probieren. Jedes Kind wird eingebunden, jedes bekommt eine Aufgabe, alle Kinder haben das gleiche Recht und auch die Pflicht, sich nach ihren Möglichkeiten zu beteiligen. Für einige ist eine Stunde sehr lang, manchmal auch zu lang. Dann gibt es die Möglichkeit, sich in dem Raum mit etwas anderem zu beschäftigen, z.B. ein Buch zu lesen.

Einzig, wenn ein Kind es gar nicht aushalten kann, wird es aus dem Raum hinaus begleitet, niemals alleine irgendwohin geschickt oder sich selbst überlassen.

Nach den Angeboten dürfen die Kinder toben oder sich ausruhen, sie dürfen sprunghaft sein, ihren Freunden und den Erwachsenen von ihren Erlebnissen erzählen. Wer zwischen 11 und 12 in den Tiddeltopp kommt wird die Aufregung und die Entladung der Anspannung spüren. Da darf es dann auch laut sein! Vor dem Essen beruhigen sich die Kinder wieder, haben ihre I-Bücher gepflegt und ihre Schätze herumgezeigt. Beim Mittagessen wird dann noch viel erzählt und wieder ist es eine Zeit, in der die Kinder sehr viele soziale Kompetenzen üben: Zuhören, mit Empathie an den Erlebnissen der anderen teilnehmen, formulieren, was sie selbst erlebt haben, im Mittelpunkt stehen und Aufmerksamkeit aushalten.

Wen wundert es, dass nach dem Mittag die Luft auch mal raus ist? Das war ein anstrengender Vormittag und muss erst einmal verarbeitet werden.